Gehörst du auch zu jenen Leuten, die mit ihrem Schicksal hadern? Die immer glauben, dass es die anderen so viel besser haben als sie selbst? Hin und wieder ertappe ich mich selbst dabei, mich mit anderen zu vergleichen, die es (scheinbar) besser haben als ich. Ich glaube, es wird Zeit, dass wir unseren Blickwinkel ändern. Hier einige nackte Tatsachen:
- Nach neuesten Schätzungen gibt es etwa 43 Millionen Menschen auf der Welt, die vollkommen blind sind. Der größte Teil davon lebt in einkommensschwachen Regionen, weil dort der Zugang zu medizinischer Versorgung und Augenärzten deutlich eingeschränkt ist.
- In Deutschland gibt es etwa 220.000 Menschen, denen mindestens ein Bein amputiert werden musste.
- 673 Millionen Menschen auf der Erde leiden an Hunger. Das sind immerhin mehr als 8 Prozent der Weltbevölkerung.
- Es gibt ständig Konflikte und kriegerische Auseinandersetzungen irgendwo auf der Welt. Tausende Menschen wachen jeden Tag im Bombenhagel auf und wissen nicht, ob sie den nächsten Tag überhaupt noch überleben. Und wenn sie ihn überleben, dann ist ihr Dasein von Angst überschattet. Es gibt Kinder, die noch nie etwas anderes in ihrem Leben gekannt haben als Krieg und Zerstörung. Einige dieser Menschen kommen um Hilfe flehend zu uns, um dieser Hölle zu entfliehen. Und was erwartet sie hier? Ablehnung, Fremdenfeindlichkeit, Fremdenhass. Ich habe mich oft gefragt, wie es wäre, wenn bei uns Krieg herrschen würde und ich in ein fremdes Land fliehen müsste. Wie würde ich mich wohl fühlen, wenn ich mutterseelenallein dort wäre, mich die Menschen mit hasserfüllten Augen ansähen, ich die Sprache nicht sprechen würde, keine Freunde fände und in einem Flüchtlingscamp vegetieren müsste, einem Ghetto nicht unähnlich?
- Der Deutsche Gehörlosenbund schätzt die Anzahl der Menschen, die nicht oder nicht mehr hören können, auf etwa 80.000.
- Die jährliche Zahl der Amputationen oder Teilamputationen an Fingern, Händen und Armen wird auf etwa 5.400 geschätzt.
- Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht von etwa 280 Millionen bis 322 Millionen Menschen aus, die unter Depressionen leiden.
- In Deutschland gab es 2023 etwa 5,7 Millionen pflegebedürfte Menschen. Inzwischen dürften es noch deutlich mehr sein.
- 831 Millionen Menschen – das sind etwa 10 Prozent der Weltbevölkerung müssen mit dem Existenzminimum auskommen. Etwa 1,1 Milliarden Menschen haben keinen ausreichenden Zugang zu Bildung, Wohnraum und/oder Gesundheitsversorgung.
- Mehr als 2 Milliarden Menschen haben keinen dauerhaft sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser und etwa 4,4 Milliarden Menschen haben keine verfügbare Wasserversorgung, die frei von Verschmutzungen ist. Etwa 100 Millionen Menschen weltweit müssen ihr Wasser aus Flüssen, Seen, Brunnen oder anderen Quellen holen.
- 17,3 Millionen Menschen können sich noch nicht einmal eine Woche Urlaub im Jahr leisten.
Ich weiß nicht, in welcher Situation du dich befindest und ob du auch mit dem einen oder anderen dieser Probleme zu kämpfen hast. Ich für meinen Teil habe noch alle meine Gliedmaßen. Ich höre und sehe zwar nicht mehr so gut wie in jungen Jahren, aber ich bin weder taub noch blind. Ich kann mich ausreichend ernähren und kann es mir sogar leisten, auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung zu achten. Ich leide auch nicht unter Depressionen, wenn ich auch hin und wieder etwas zerknirscht bin. Dabei handelt es sich aber meistens um Kleinigkeiten, die es gar nicht wert sind, sich überhaupt über sie aufzuregen. Ab und zu zwickt es mal hier und mal da. Ich kenne aber Menschen, die wesentlich jünger sind als ich und denen es genauso geht. Pflegebedürftig bin ich jedenfalls noch lange nicht. Ich gehe jeden Tag joggen, wandere gerne und spiele ab und zu Tennis. Welch ein Segen, all dies noch tun zu dürfen und zu können! Ich habe eine ausgezeichnete Bildung (Universitätsabschluss) und wohne in einer bereits abbezahlten Eigentumswohnung. Ich muss nur zu Hause den Wasserhahn aufdrehen und habe jederzeit frisches Wasser zum Waschen oder Trinken zur Verfügung. Ich reise gerne und habe schon viel von der Welt gesehen. Und ich lebe in einem Land, das schöner nicht sein könnte. Mit einem hervorragenden Gesundheitssystem und einem sozialen Netz, das seinesgleichen in der Welt sucht. Ich lebe in einem Land, in dem seit 81 Jahren Frieden herrscht.
Ist dein Leben lebenswert?
Warum also um Himmelswillen soll ich mit meinem Schicksal hadern. Es gibt unendliche viele Männer und Frauen da draußen, die wahnsinnig gerne mit mir tauschen würden. Die sich nicht mehr an Sonnenauf- und untergängen erfreuen können, weil sie blind sind. Die nicht mehr wandern oder viele andere Dinge nicht mehr tun können, weil sie nicht mehr alle Gliedmaßen haben. Die gar nicht mehr wissen, wie es sich anfühlt, in Frieden einzuschlafen und in Frieden wieder aufzuwachen. Die um Geld betteln müssen oder noch nie etwas anderes von der Welt gesehen haben als ihr eigenes Dorf, in dem sie leben. Zugegeben: Ich bin ein wenig privilegiert. Aber selbst wenn du ein nicht mal annähernd so gutes Leben hast wie ich, geht es dir vermutlich immer noch tausend Mal besser als jene Menschen, die mit einer oder mehreren der oben genannten Situationen konfrontiert sind.
Und wir regen uns auf, weil wir mal wieder den Bus verpasst haben. Weil das Urlaubshotel nicht unseren Ansprüchen genügt hat. Das Wetter uns den Sonntagsausflug verhagelt hat. Das Auto mal wieder in die Werkstatt muss. Oder der Fahrer vor mir auf der Autobahn bloß 100 Stundenkilometer auf der linken Spur fährt. Kürzlich habe ich mich dabei ertappt, wie ich vor Wut beinahe aus der Haut fuhr, nur weil die Patrone meines Druckers zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt ihren Geist aufgab. auch ich habe meine kleineren und größeren Sorgen. Ich glaube aber, dass Millionen oder vielleicht sogar Milliarden Menschen auf dieser Welt ihre Probleme mit Kusshand gegen meine eintauschen würden.
Leben wie ein Fürst
In einem Gebiet auf der japanischen Insel Okinawa leben besonders viele sehr glückliche und sehr alte Menschen. Ihr glückliches und langes Leben beruht im Wesentlichen auf vier Säulen:
- Sie haben gelernt, loszulassen und sich selbst so anzunehmen, wie sie sind.
- Sie leben nachhaltig und in Harmonie mit sich und den anderen.
- Sie haben Freude selbst an den kleinsten, unbedeutendsten Dingen.
- Sie denken nicht an die Vergangenheit und grübeln nicht über die Zukunft nach. Sie leben im Hier und Jetzt.
Nutze die schönen Tage, um sie in deinen Gedanken zu konservieren, um in dunkleren Tagen davon zehren zu können. Dazu passt recht gut das folgende Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe:
Auch das ist Kunst, ist Gottes Gabe,
aus ein paar sonnenhellen Tagen,
sich so viel Licht ums Herz zu tragen,
dass, wenn der Sommer längst verweht,
das Leuchten immer noch besteht.
Ich habe beschlossen, mich nie wieder über irgendwelche Kleinigkeiten aufzuregen. Und wenn es doch passiert, denke ich einfach daran, dass ich eigentlich ein Leben habe wie ein Fürst.
